Fahren, Familie, Freundschaften – Wie geht das?

von | 24. Mai. 2021

Wenn man tagtäglich hinter dem Steuer sitzt und sich hunderte oder sogar tausende Kilometer von zu Hause entfernt aufhält, ist es gar nicht so leicht, Freundschaften und Beziehungen zu pflegen. Wie läuft das? Die Unermüdlichen Christina und Markus geben einen Einblick in das Thema.

„90 Prozent Arbeit, 10 Prozent Freizeit“ – so einfach sieht die Rechnung aus, die Christina Scheib aufstellt, wenn man sie danach fragt, wie sie wohl ihre Zeiteinteilung im Laufe einer Woche einschätzen würde. Kein Wunder: Als selbstständige Fahrerin und Botschafterin des BGL ist sie – wie es ja auch im Volksmund heißt – selbst und ständig für jede Menge Aufgaben verantwortlich.

Dementsprechend schwierig ist es auch, Aktivitäten außerhalb der Arbeit zu planen. Denn es ist nicht einfach vorauszusehen, wie die kommende Arbeitswoche wird: „Das ist immer unterschiedlich – manchmal so, und manchmal so. Je nach Touren, wie viel ich fahren muss und wie viel los ist. Diese Woche zum Beispiel war ich noch gar nicht zu Hause“, erzählt Christina: „Ich kann ungefähr zwei Tage vorher sagen, wie die Woche wird.“

Eine Situation, die auch Fernfahrer Markus Trojak gut kennt. Für gewöhnlich, erzählt Markus, ist er zumindest ein oder zwei Mal in der Woche zu Hause, um in der Firma aufzuladen. Immer sei das aber auch nicht der Fall: „Dann bin ich von Sonntagabend bis Freitagabend oder Samstagfrüh im LKW unterwegs und nicht zu Hause. Das kommt schon öfter vor“, berichtet er. Und wenn man international fährt kann es sein, dass man direkt ein paar Wochen hintereinander nicht mehr zu Hause auftaucht. Der Inbegriff eines Vollzeitjobs, sozusagen.

Wer dann auch noch Familie, Freundschaften und Beziehungen jonglieren will, hat eine ganze Menge zu tun. Wie geht das?

Klare Absprachen und Erwartungen sind wichtig

Aus Erfahrung berichtet Markus: Das ist gar nicht so einfach. Mit seiner Frau verbindet ihn eine langjährige Beziehung, in der von Anfang an klar war, dass er als Fahrer viel unterwegs sei: „Meine Frau hat mich so kennengelernt – dass ich grundsätzlich nicht da bin“, berichtet Markus: „Das Problem ist, wenn du jetzt anfängst und einen Führerschein machst. Dann bist du international unterwegs und zwei Wochen weg. Anfangs finden Partner oder Partnerin das noch toll, weil das ist ja alles neu und Abenteuer.“ Mit der Zeit könne das aber ein Problem werden: „Wenn du mit reinwächst, ist es okay. Aber wenn man es anders gewöhnt ist, gehen da ganz viele Beziehungen dran kaputt.“

Entscheidend seien richtige Absprachen und klare Erwartungen – nicht nur in Beziehungen, sondern auch im Freundeskreis. Denn spontan mal zu einem Abendessen mitzukommen ist schwierig einzuplanen: „Mit der Zeit verläuft sich das. Weil dann an sich klar ist, dass man nicht da ist“, erzählt Markus. In der Anfangszeit wäre das schwierig, mittlerweile seien die Erwartungen aber klarer: „Mit uns wird nicht gerechnet“, berichtet er. Im Umkehrschluss sei die Freude dann aber größer, wenn es doch mal mit einem Termin klappt.

Dennoch ist es nicht leicht, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Das berichtet auch Christina: „Für Leute, die ins Büro gehen, ist es schwer zu verstehen, was für einen Job man hat. Du kommst mal nicht nach Hause, oder bist tagelang nicht zu Hause – da ist es schon schwierig, Freunde außerhalb des Berufs zu finden.“

Sich abends nochmal zu einem gemütlichen Treffen zu verabreden ist nur selten möglich: „Da muss man schon sehr spontan sein. Man kann ja nicht sagen, wie viel Zeit du hast. Denn du weißt nicht, wie viel los ist, wie lang das Abladen dauert. Entweder du planst, dass du den Tag komplett frei nimmst – oder du sagst‚ ja, wäre ein guter Tag‘, aber kannst es noch nicht zusichern.

Und selbst innerhalb der Branche ist das nicht ganz einfach, ergänzt Markus. Die eine Tour beginnt, wenn die andere endet – aber beide gehen über mehrere Tage oder Wochen: „In einigen Firmen siehst du Kollegen acht Wochen lang nicht.“

Welche Rolle spielt moderne Technik?

Eine Herausforderung für jede Freundschaft, aber eben auch für die Familie. Insbesondere wenn man Kinder hat, wird das Jonglieren nochmal intensiver. Das kennt Markus selbst noch aus Kindertagen von seinem eigenen Vater, der selbst als Fahrer unterwegs war: „Als ich klein war, hatten wir noch kein eigenes Telefon, aber unsere Nachbarn hatten eins. Dann hat mein Vater von einem Münzapparat bei den Nachbarn angerufen und wir sind alle Mann rüber und konnten jeder eine Minute mit dem Papa reden. Bei mir war es dann so, dass ich immer so erschrocken war, dass ich am Telefon gar nichts sagen konnte. Das musst du dir mal vorstellen – da hatte noch nicht jeder sein Telefon.“

Das ist heute natürlich komplett ins Gegenteil verkehrt. So ziemlich jeder hat ein Telefon dabei und ist weltweit vernetzt. Ein deutlicher Vorteil, was das Pflegen von Beziehungen und Freundschaften angeht, findet Markus: „Es ist in den letzten 10 Jahren einfacher geworden, durch die Medien. Durch Facebook, Handy, E-Mails, Tablets, ist man viel, viel dichter zusammen“, findet er: „Ich weiß von einem Fahrer mit einem Tablet, der hat jeden Abend immer zwischen sechs und sieben, wenn die Kids in die Heia gehen, einen Videoanruf. Das hilft ungemein.“

Auf der anderen Seite, berichtet Christina, gilt diese ständige Erreichbarkeit aber auch ein Stück weit für die Arbeit: „Das ist Fluch und Segen zugleich. Früher hattest du halt kein Handy, da musstest du in die Telefonzelle gehen. Jetzt wiederum bist du immer erreichbar – immer und überall. Du kommst nicht runter. Du musst ja nicht rangehen, aber du bist immer im Stress, wenn das Telefon klingelt“, findet sie. Und Stress ist im Grunde das, was man beim Planen vermeiden möchte.

Deswegen findet Christina, dass klare Absprachen entscheidend sind: „Man muss sich halt arrangieren. Man muss einen Mittelweg finden, damit das alles funktioniert. Ich denke, da ist jeder Mensch anders und muss anders damit umgehen“, erklärt sie. Dazu gehört auch zu sagen und zu akzeptieren, wenn ein Termin mal nicht geht: „Ich finde halt wichtig, dass man ehrlich zueinander ist, in jeglicher Hinsicht. In einer guten Beziehung kannst du alles sagen.“

Manche Fahrerinnen und Fahrer lösen das Problem auf ganz andere Art und Weise – nämlich, indem sie einfach zusammenfahren. Dafür muss man aber auch gestrickt sein, denn man ist rund um die Uhr auf engem Raum zusammen. Wir haben mit einem Paar gesprochen, wie das funktionieren kann. Den Artikel zum Thema Fahrerpaare findet ihr hier.

Fotonachweis: © AdobeStock littlewolf1989

Wie seht ihr Freundschaften im Berufsalltag?

Max

Max

Immer auf dem Sprung von einem Ort zum anderen.

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