Viel mehr als Packen und Schleppen: In der Umzugsbranche wird’s nie langweilig

von | 29. Aug. 2022

Nicht nur im Langstreckenverkehr, auch in der Stadt finden tagtäglich jede Menge Transporte statt – zum Beispiel Umzüge. Wir haben uns mit Claudia Rinke, Geschäftsführerin der Umzugsfirma Schloms unterhalten. Sie liefert uns einen interessanten Einblick in den Alltag sowie die Herausforderungen dieser spannenden Branche.

So ein Umzug kann ein einschneidender Moment im Leben eines Menschen sein. In extremen Fällen verlässt man die Heimat, begibt sich ein Stück weit ins Ungewisse und hat, fast schon nebenbei, eine ganze Menge zu tun. Wohnungssuche, Renovierung, Zusammenpacken, Organisieren – das ist kein Zuckerschlecken.

Claudia Rinke kennt sich wahrscheinlich so gut mit dem Thema aus, wie kaum jemand sonst. Seit 1997 füllt sie die Geschäftsführung der heutigen „Franz Schloms Nachfolger Möbelspedition GmbH“ aus – in bereits dritter Generation, nach ihren Eltern und ihrem Großvater.

Franz Schloms gründete das Familienunternehmen 1948. Die Firma kümmert sich also seit bereits über 70 Jahren um Umzüge und Transporte von Privat-, aber auch Geschäftskunden. Das kann von der kleinen Wohnung um die Ecke bis zum Großumzug nach Übersee gehen: „Bei uns wird es nicht langweilig“, erklärt Rinke.

Und das ist wohl wirklich so, denn die Aufgaben bei so einem Umzugsunternehmen gehen weit über das einfache „Schleppen von Kisten“ hinaus – wenn die Kunden das möchten: „Man kann uns den Schlüssel geben, dann fotografieren wir alles ab und stellen es genau so in der neuen Wohnung wieder auf, wenn Sie das wollen. Wir haben Packer, Elektriker, Installateure, Monteure und den Küchenbereich machen wir auch mit“, erklärt Rinke: „Klar sind wir eine Spedition, aber im Grunde sind wir auch ein Handwerksbetrieb.“

Je nach Umzug kann ein Team aus zahlreichen Personen bestehen. Für einen „normalen Stadthaushalt“ geht man von etwa vier Personen aus, bei umfangreichen Großumzügen können es aber auch mal 20 Leute sein, die beim Kunden beschäftigt sind. „Es gibt auch Sachen, die werden allein gemacht. Letztens hatten wir ein Exponat, da haben wir eine animierte Kuh von A nach B gebracht“, schmunzelt Rinke: „Die hatte einen Motor, um den Kopf hoch und runter zu heben. Es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Es kommt halt immer auf den Umzug an, was genau man braucht – auch in Sachen Arbeitsgerät: „Wir haben LKWs, Sprinter und mehrere PKW. Bei schweren und hochwertigen Möbeln braucht man auch den LKW, der eine entsprechende Zuladung vertragen kann“, erklärt die Geschäftsführerin. Dazu kommen Spezialfahrzeuge, wie etwa der Möbellift.

Spielen Dinge wie ein Klavier, ein Tresor oder ein 300-Kilo-Waffenschrank eine Rolle, fällt die Wahl schnell auf den 18-Tonner. Der will dann auch fachmännisch gepackt werden. Kunden vertrauen schließlich darauf, dass alles heile am Zielort ankommt: „Es gibt sogenannte Packer-Schulungen, die muss eigentlich jeder Mitarbeiter durchlaufen. Der Fahrer ist außerdem für die Ladungssicherung zuständig und belädt den LKW – Stichwort Ladungssicherung. Da darf nichts verrutschen und kaputt gehen“, so Rinke: „Am besten muss jeder alles können.“

Fahrermangel – Ein Problem, das alle trifft

Doch gerade in Sachen Fahrer ist das gar nicht so einfach. Die Speditions-Branche hat mit einem massiven Fahrermangel zu kämpfen – und das merken auch Unternehmen wie Schloms-Umzüge. Aktuell haben im Unternehmen vier feste Personen die nötige Fahrerlaubnis, um den LKW zu fahren. Eine davon ist Rinke selbst: Die Mutter von vier Kindern hat den LKW-Schein abgeschlossen, um selbst das Steuer übernehmen zu können, wenn nötig. Auch einer ihrer Söhne, der im Unternehmen angefangen hat, hat den Schein gemacht.

Denn klar ist: Wenn kurzfristig ein Fahrer ausfällt, muss schnellstens für Ersatz gesorgt werden. „Bei normaler Fracht kann man vielleicht umdisponieren, aber bei einem Privatkunden, der da mit gepackten Kartons steht und Wohnungsübergabe hat – da kann man nicht sagen ‘wir kommen morgen’“, erklärt Rinke.

Wenn alle Stricke reißen, holt man sich externe Fahrer dazu oder hilft sich mit Zeitarbeitsfirmen und kleineren Fahrzeugen, die auch mit dem FS Klasse B gefahren werden können.

Doch auch das ist nicht ganz einfach, denn wie gesagt – die Aufgaben im Unternehmen sind vielfältig: „Der Fahrer ist normalerweise auch derjenige, der die Crew anleitet, mit dem Kunden spricht, das Wort führt. Ein Externer, der normalerweise nur Ware von A nach B fährt, kann diese ‚Kolonnenführer-Funktion‘ einfach nicht übernehmen“, erklärt Rinke: „Die Fahrerqualifikation bei uns geht über das reine Lenken hinaus.“

Die Herausforderung ist, junge Menschen vom Fahrer-Job, aber auch den sonstigen Aufgaben im Unternehmen zu überzeugen. So wird heute beispielsweise deutlich mehr auf Wünsche der Arbeitnehmer geschaut, als das vielleicht früher der Fall war, so Rinke: „Heute ist es so, dass ich am Monatsanfang frage: Wir haben Österreich, wir haben Schweden, wer will was machen?“ Man schaut, dass Termine im Privatleben wahrgenommen werden können: „Wir versuchen das so hinzubasteln, dass es für die Kollegen passt.“

Potentiellen Fahrern sollen sozusagen die Steine aus dem Weg genommen werden. Ansonsten wären für Rinke möglicherweise Anpassungen von Rahmenbedingungen eine Hilfe: „Die Regulierungen, wer welches Fahrzeug fahren darf, sind ja recht strikt. Wenn man das ein bisschen aufweichen würde, das würde schon alles etwas einfacher machen“, erklärt sie: „Früher durfte man mit dem FS Klasse 3 auch Siebeneinhalb-Tonner fahren, diese Leute fehlen uns heute.“

Für Rinke ist die Aufgabe klar: „Man muss sich einfach richtig viel Mühe geben. Also kämpft man um jedes Talent.“

Herausforderungen im Alltag

Dass der Job in einem Umzugsunternehmen nicht einfach ist, das will Rinke überhaupt nicht verhehlen – das weiß sie ja aus erster Hand. Doch von außen sieht man manche Punkte vielleicht gar nicht: „Es gibt sozusagen ‚Soft Facts‘ und ‚Hard Facts‘“, erklärt Rinke. Die „Hard Facts“ sind dabei für jeden offensichtlich zu sehen, der schonmal einen Umzug gestemmt hat: „Dass es bei hohen Etagen oder einem engen Durchgang kompliziert wird, mit schweren Sachen wie einem Tresor oder Klavier – das kann jeder nachvollziehen.“

Auch Probleme wie zugeschneite Straßen oder Staus kennt jeder. Doch es gibt auch andere Herausforderungen für die Teams vor Ort. Empathie und ein sensibles Vorgehen sind gefragt: „Die Kunden sind manchmal nervös. Sie haben zigtausend andere Sachen, um die sie sich kümmern müssen. Sie sind emotional mitgenommen, vielleicht traurig, dass man wegzieht. Vielleicht geht es um eine Trennung. Die Leute sind oft in einem nervlichen Ausnahmezustand, wenn sie umziehen“, erklärt Rinke.

Ein Umzug habe immer mit Ängsten und Verlusten zu tun: „Man muss sich das vor Augen führen: Bei der Besichtigung schaue ich mir alles an, gucke in die Schränke, um zu schauen, wie viele Kartons wir brauchen. Allein das ist schon sensibel, die Kunden öffnen da ihre Privatsphäre.“

Ein Umzug habe immer auch ein Stück weit mit Angst und Verlusten zu tun: „Und dann kommen fremde Leute in ihr Haus, fassen ihre Sachen an und transportieren die. Mit diesen Situationen müssen unsere Kollegen arbeiten und dem Kunden diese Angst parallel nehmen. Und das ist die Herausforderung.“

Ein ganz akutes Problem, so Rinke, ist außerdem die Hitze. Hier fehle manchmal noch die Wahrnehmung: „Wir haben Tage über 30 Grad und dann muss man Möbel schleppen, in die vierte Etage oder höher. Das geht auf die Gesundheit“, erklärt sie. Bei den hohen Temperaturen brauchen manche Umzüge einfach länger – oder mehr Personal. Auch bei der Beladung staue sich die Hitze auf der Ladefläche des LKW: „Dass man eben bei 30, 35 Grad langsamer arbeitet und mehr Pausen einlegen muss, als normal – das sieht manch ein Kunde nicht. Das Verständnis dafür muss unbedingt wachsen.“

Ein kleiner Tipp: Wer Möbelpacker, Umzugsunternehmen oder andere Lieferanten im Haus hat, kann mit Verständnis für solche Situationen deutlich dabei helfen, den Arbeitsalltag zu erleichtern. Und auch über eine Flasche Wasser freut man sich, wenn man bei der Hitze arbeitet: „Das ergibt sich aber meistens aus dem Miteinander“, so Rinke.

Auf dem Unermüdlich.Blog sprechen wir über jede Art von LKW und Bus – aber eben auch ganz spezielle Transporte und Branchen, bei denen große Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Einen weiteren spannenden Einblick findet ihr hier: Wir sprachen mit Jacques Tilly über künstlerische Karnevals-Wagen. 

Fotonachweis: © Marc Theis / Schloms

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