Ein Leben für den Karneval – Wagenbau-Künstler Jacques Tilly im Interview

von | 28. Feb. 2022

Normalerweise schauen wir auf dem Unermüdlich-Blog vor allem in die LKW- und Bus-Welt. Doch zum Rosenmontag wollen wir ein ganz besonderes Spezialfahrzeug betrachten: Den Karnevalswagen. Wir haben uns mit Karnevalswagenbau-Künstler Jacques Tilly unterhalten.

Farbenfroh, unterhaltsam, provokant – seit mittlerweile 38 Jahren sorgt Jacques Tilly mit seinem Team dafür, dass der Düsseldorfer Rosenmontagszug mit zahlreichen Karnevalswagen auffährt, die genau diese Elemente miteinander vereinen.

Mit 20 startete der heute 58-Jährige in den Beruf, der sein Leben bestimmen sollte: „Ich bin per Zufall in die Wagenbauhalle gekommen, weil ein Freund fragte, ob ich helfen wollte – und wir haben direkt politische Wagen gebaut. Ich habe diese Mischung aus Politik und Humor für sehr attraktiv gehalten“, erinnert sich Tilly: „Ich hab auch nebenbei was ‚Vernünftiges‘, Kommunikationsdesign mit Abschluss, studiert. Aber dann haben wir die Wagenhalle in Düsseldorf bekommen, in der wir das ganze Jahr arbeiten konnten. Und ich verstand mich sehr gut mit den Karnevalsoberen, sodass ich einfach dort kleben geblieben bin.“

Anstatt einer Karriere als Kommunikationsdesigner in den Agenturen hat Jacques Tilly sein Leben dem Karneval gewidmet – und das wird wohl auch so bleiben: „Ich wurde mal gefragt: ‚Jacques Tilly, lebenslänglich Karneval, was ist da schiefgelaufen?‘ Und ich bin schon der Meinung: Da ist nichts schiefgelaufen. Das hat meinem Leben schon eine Einzigartigkeit gegeben und ich kann mich vollkommen selbst verwirklichen“, so Tilly: „Ich hab nicht im Geringsten irgendeine Art von Langeweile oder Routine-Gefühl.“

Schaut man sich die unterschiedlichen Wagen an, die Tilly über die Jahre mit seinem Team geschaffen hat, überrascht das nicht. Vom riesigen, pompösen Vereinswagen bis hin zur gewitzten Kritik an weltpolitischen Geschehnissen ist wirklich alles dabei. Wie viele es über die Jahre waren, weiß Tilly nicht: „Das habe ich noch nie ausgerechnet. Aber es sind jedes Jahr mehr geworden.“

Wie entsteht so ein Karnevalswagen?

Die Wagenbauhalle in Düsseldorf dient Tilly und seinem Team als Zentrale. Hier steht alles an einem Ort, an dem auch direkt an den Wagen für den Zug gearbeitet werden kann: „Wir müssen nicht mit den gebauten Wänden oder Riesenfiguren durch die Gegend fahren, das ist sehr praktisch“, so Tilly: „Das sind drei große Hallen mit mehreren Leichtbauzelten. Wir haben Tageslicht, eine eigene Heizung, wirklich sehr bequem. Es ist die beste Wagenbauhalle, die ich kenne.“

An diesem Ort entstehen die riesigen Skulpturen, die sich am Rosenmontag einen Weg durch Düsseldorfs Städte bahnen. Doch die zahlreichen, aufwändigen Wagen erfordern jede Menge Arbeit. Alleine ist das schon lange nicht mehr zu schaffen, weshalb Tilly sich über die Jahre ein Team aufgebaut hat. „Das sind junge Leute, die das ganze Jahr dabei sind und die ihre Spezialfähigkeiten im Laufe der Jahre so ausgebaut haben, dass sie unverzichtbar sind für einen großartigen Rosenmontagszug“, so Tilly: „Ein paar Freie, ein paar Festangestellte – das ist so unsere kleine Künstlerfamilie.“

In dieser Konstellation entstehen dann in erster Linie zwei Typen von Wagen: Die Gesellschaftswagen und die politischen Wagen.

Bei Gesellschaftswagen handelt es sich um die Wagen der Vereine, erklärt Tilly, auf denen bis zu 30 Leute mitfahren. Die entstehen überwiegend aus umgebauten LKW-Anhägern: Bei denen wird alles bis auf die Ladefläche abgeflext: „Da schweißen wir dann Geländer drauf, Treppen, Türme, alles was der Karnevalsverein braucht. Und dann wird alles mit Holz verkleidetet.“ Auch Platz für kleine Toiletten und Generatoren muss geschaffen werden – ein Karnevalsumzug dauert schließlich ein bisschen.

Diese Basis ist es dann, die über mehrere Jahre als Grundlage für die pompösen Wagen dient: „Jedes Jahr werden dann die Außenfassaden der Anhänger neu verkleidet“, erklärt Tilly: „Und das ist sehr viel Arbeit, das kostet uns eigentlich die Arbeit des ganzen Jahres. Wir bauen da 30, 40 Wagen.“

Für einen Gesellschaftswagen planen Tilly und sein Team etwa drei bis vier Wochen ein. Deutlich schneller geht es allerdings bei den kleineren, politischen Wagen: „Die bauen wir kurz vor Rosenmontag. Dabei handelt es sich um Vollplastiken, die auf Bauernplateaus gestellt werden, mit denen normalerweise die Rüben gefahren werden.“ Der Grund ist klar: Die politische Lage oder aktuelle Neuigkeiten, auf denen die Skulpturen basieren, können massiv schwanken: „Unser Zugleiter hat immer gesagt: ‚Wenn der Papst am Sonntag heiratet, ist das Rosenmontag im Zug!‘“, so Tilly: „Deshalb entstehen die teilweise in zwei, drei Tagen, wenn der Zeitdruck vor Rosenmontag groß ist.“

Die Ideen für die ungewöhnlichen Gebilde kommen vom Künstler selbst: „Von Kunden kommt in der Regel keine Idee, was gemacht wird, sondern sie überlassen mir das Motiv“, erklärt Tilly den kreativen Prozess: „Dann skizziere ich mein Skizzenbuch voll, assoziiere und höre elektronische Musik, um mein Hirn durchzupflügen. Und dann entsteht nach einigen Stunden oder Tagen unter Umständen eine Idee, die brauchbar ist.“

Gefällt dem Kunden der Entwurf, wird eine Bauzeichnung angefertigt und ans Team gegeben. Die Wagen dürfen dann bestimmte Maße nicht überschreiten, damit sie noch durch Tore und Straßen passen – doch ansonsten gibt es nur bedingt Restriktionen beim Bau: „Wir fahren nur mit 7 km/h, maximal, und damit ‚unterfahren‘ wir die Straßenverkehrsordnung. Die Wagen müssen nicht verkehrssicher sein, im Sinne von Rückleuchten und sowas. Wir haben außerdem eine Sondergenehmigung und die Strecke ist abgesichert.“

Ein Faktor, den es zu beachten gilt, ist allerdings das Wetter: „Das ist natürlich immer ein großes Risiko“, so Tilly, der aber betont: „Wir haben zwar eine Leichtbauweise und bauen mit sehr empfindlichem Papier, aber bisher – selbst bei schlimmstem Wetter, mit Wind – haben die Wagen eigentlich immer gut gehalten.“

Zwei Mal wurden Züge allerdings aufgrund schlechten Wetters abgesagt – 1990 und 2016, erinnert sich Tilly. Und auch die Pandemie machte dem Düsseldorfer Umzug in den vergangenen Jahren zwei Mal einen Strich durch die Rechnung. 2022 wird der Umzug auch nicht wie gewohnt am Rosenmontag stattfinden, ist aber ersatzweise auf den 29. Mai angesetzt – in der Hoffnung, dass er dann stattfinden kann.

„Ich muss Wagen bauen, die jeder versteht“

Die Pandemie hat selbstverständlich auch den Arbeitsalltag in der Düsseldorfer Wagenbauhalle beeinflusst: „Wir hatten auch Kurzarbeit im letzten Jahr, damit ich mein Team am Leben halten kann – in einer Zeit, in der keine Großveranstaltungen stattfinden und deshalb keine Großplastiken gebraucht werden“, so Tilly: „Ich bin natürlich verantwortlich für diese Menschen, die ihr Leben dem Düsseldorfer Karneval gewidmet haben, dass die nicht plötzlich nach 15 Jahren wundervoller Arbeit auf der Straße stehen.“

Logisch, dass dieses Thema in den letzten Jahren auch einige Plastiken und Wagen beeinflusst hat. Schließlich setzen sich die Motive oft mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinander: „Ich bin ein politisch sehr interessierter Mensch, interessiere mich aber auch sehr für Philosophie und Geschichte, Religion und Religionsgeschichte. Deshalb versuche ich, mir einen breitest-möglichen Horizont anzulesen, aus dem heraus ich dann viel besser urteilen kann.“

Die Kunst liegt allerdings darin, dieses Wissen dann leicht nachvollziehbar auf einen Karnevalswagen umzumünzen: „Ich muss Wagen bauen, die jeder versteht, da darf kein Spezialwissen einfließen“, so Tilly.

Auf einem Karnevalsumzug hat man ja auch nur wenige Sekunden Zeit, einen Wagen überhaupt wahrzunehmen: „Deshalb muss ich ganz einfache Bildformeln finden und darf keine exotischen Themen aufnehmen. Ich darf nur das behandeln, was sowieso jeder weiß oder was in der Luft liegt. Ich muss immer an Vorwissen anknüpfen.“

Gleichzeitig dürfen die Plastiken aber nicht „dumm, unterkomplex oder zu vulgär“ sein, so Tilly. Provozieren sollen die Gebilde aber durchaus. Dass das nicht nur auf Gegenliebe stößt, ist für den Künstler Alltag geworden: „2019 habe ich 400 Hassmails gekriegt, aber auch ungefähr 300 Zustimmungsmails aus der ganzen Bundesrepublik“, erinnert sich Tilly an den letzten Zug, der „normal“ stattfand.

Beim Düsseldorfer Karneval stehe man für bestimmte Werte ein: „Natürlich stehen wir für eine offene, pluralistische Gesellschaft, sind gegen jede Art von Totalitarismus.“, so Tilly: „Ich habe viele Wagen gebaut, die Rechtspopulismus, oder auch Rechtsextremismus, aufgespießt haben. Und diese Leute sind natürlich nicht amüsiert.“

Durch das Internet kann es dann schnell zu Reaktionen kommen. Es gebe jede Menge Menschen, „die halt jede Menge Hass los senden, sowie jemand eine Meinung kundtut, die ihrem Weltbild nicht entspricht“, erklärt Tilly: „Und das kriege ich oft genug zu spüren. Aber das ist Teil meiner Arbeit, das gehört einfach dazu. Das ist Streitkultur. Wir können nicht alle einer Meinung sein.“

Wichtig sei es, dass eine entscheidende Grenze immer berücksichtigt wird: „In einer Demokratie muss es möglich sein, dass man sehr hart polemisch aufeinander einschlägt. Aber Gewalt ist natürlich die rote Linie – Streitkultur muss friedlich bleiben, das ist klar.“

Wie steht ihr zum Thema Karneval? Gefällt euch das Fest, oder ist das nichts für euch? Und was haltet ihr von den Karnevalswagen? Erzählt es uns in den Kommentaren!

Fotonachweis: © Jacques Tilly

Seid ihr Karneval-Fans?

1 Kommentar

  1. Karnevalswagen von J. Tillys sind spitze! Ich bin selber im Karneval aktiv, war 2012 der Prinz der Stadt Stolberg! Wenn wir im Verein das Geld dafür hätten, würden wir direkt einen Wagen bei ihm bauen lassen!!!

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.