Der Wachstruck ist eine fahrende Ski-Werkstatt: „Ein fantastisches Fahrzeug“

von | 12. Apr. 2021

Auf dem Unermüdlich-Blog sind wir stets auf der Suche nach besonderen Erlebnissen in der Welt der Berufskraftfahrer. Matthias Grunwald dürfte davon in seiner Laufbahn schon jede Menge gesammelt haben – denn für den Deutschen Skiverband fährt er ein ganz spezielles Vehikel.

Eine plötzliche Abfahrt

Manchmal ist das Leben wie eine Autobahn: Jahrelang fährt man in dieselbe Richtung, immer einer mehr oder weniger geraden Linie folgend. Bis plötzlich eine Abfahrt kommt, die in eine ganz andere Richtung führt.

Eine solche Abfahrt hat Matthias Grunwald – seines Zeichens gelernter Berufskraftfahrer, aber eben auch leidenschaftlicher Ski-Fahrer – genommen: „Ich bin 20 Jahre lang Bus gefahren, im Linienverkehr“, berichtet der 50-Jährige: „In dieser Zeit kam ein ehemaliger Sportkollege auf mich zu. Ich war früher ein sehr guter Skilangläufer, 1990 Juniorenweltmeister.“ Ein Staffelkollege aus alten Zeiten kontaktierte Grunwald, ob er als Wachstruckfahrer einspringen könnte. Beim eigentlichen Fahrer war etwas dazwischengekommen.

„Ich fragte meinen Chef damals, ob ich gegen unbezahlten Urlaub die zwei Touren machen könnte. Dadurch bin ich da reingeschlittert“, erklärt Grunwald, der fortan immer wieder sporadisch einsprang, wenn man ihn brauchte: „Nach drei Jahren wurde ich gefragt, ob ich das hauptamtlich machen würde. Das ging erstmal auch nicht, aber ich hatte einen sehr guten, kulanten Chef, der mich dafür immer wieder freistellte. Und nun bin ich beim DSV fest angestellt.“

Die Berufsbezeichnung lautet allerdings nicht „Wachstruckfahrer“, sondern „Ski-Techniker“. In dieser Funktion kümmert sich Grunwald um das Arbeitsgerät seiner Sportler. Die Top-Athleten im Ski-Bereich verfügen über 30 bis 40 Paar Ski pro Stilart, angepasst an die verschiedenen Schneeverhältnisse und Temperaturbereiche. Als Ski-Techniker schaut Grunwald, dass immer der richtige Ski, das passende Wachs und ein geeigneter Schliff vorhanden sind – oder legt eben selbst Hand an und sorgt dafür.

Sportler und Techniker arbeiten das ganze Jahr über in Tandems zusammen. Vertrauen ineinander ist dabei unerlässlich: „Wir nutzen schon verschiedene Ski bei 0 und -3 Grad. Das ist ein Riesenunterschied. Es ist eine unheimliche Vielfalt. Wir reden im Profi-Sport von Nuancen, wo es um Zehntelsekunden geht.“

Eine fahrende Werkstatt: Der Wachstruck

An dieser Stelle kommt der Wachstruck ins Spiel. Über drei dieser Gefährte verfügt der DSV – eines für Langlauf, eines für Biathlon und ein weiterer Truck für die Nordische Kombination. Bei dem Gefährt handelt es sich um eine handelsübliche Zugmaschine, aber mit HydroDrive-System. Der 4×4-Allradantrieb sorgt dafür, dass der Truck auch in winterlichsten Gefilden nicht hängen bleibt, Winterreifen und Schneeketten tun ihr Übriges: „Wir haben alles, was Du für schweres Gelände im Winter brauchst.“

Der Auflieger ist das Herzstück des Trucks. Dabei handelt es sich um einen umgebauten Kühler, allerdings ohne Aggregat. So sorgen die verstärkten Wände dafür, dass es drinnen immer schön warm anstatt kühl ist. Denn im Wachstruck wird nicht nur Arbeitsmaterial für die Techniker transportiert – hier wird auch direkt am Wettbewerbsort an den Sportgeräten geschliffen.

„Da drin haben wir acht Arbeitsplätze. Mit fest verbauten Tischen und 14 großen Schränken, in denen jeweils 26 Paar Skier untergebracht sind“, erklärt Grunwald. Ein Hydrauliksystem sorgt dafür, dass es auf der Fahrt nicht wackelt und somit auch nichts durcheinanderkommt: „Jeder richtet sich da das Schubfach ein, wie er es für richtig hält. An jedem Platz gibt es zwei ‚Bügeleisen‘: Damit werden Paraffine und Wachse in die Sohlen eingebügelt, mit teilweise 180 Grad.“

Im Auflieger verbaute Absauganlagen ziehen einen Großteil der dabei entstehenden giftigen Dämpfe heraus. Damit alles funktioniert, braucht der Truck ordentlich Strom: „Es ist schon recht komplex. Wir müssen den Truck mit zwei Mal 32 Ampere befeuern, damit das überhaupt funktioniert. Wir verbrauchen, wenn wir volle Leistung fahren, mehr als ein Einfamilienhaus.“

Die schönsten Touren führen durch Skandinavien

Für die Athleten ist der Wachstruck ein unverzichtbares Vehikel, mit dem die Techniker dafür sorgen, dass immer das ideale Arbeitsgerät zur Verfügung steht. Dementsprechend wichtig ist es, dass der Truck auch wirklich am Wettbewerbsort auftaucht. Dafür sorgt Grunwald als Fahrer des LKW persönlich. Witterungsbedingte Probleme hatte er noch nie – auch, wenn man das im Wintersport vielleicht erwarten würde: „Erstens haben wir ein fantastisches Fahrzeug, mit dem zuschaltbaren Allrad und den Ketten. Da kommst Du schon sehr, sehr weit“, berichtet Grunwald. Der Techniker betont aber auch, dass die Fahrten nicht unbedingt abenteuerlich sind: „Im Prinzip ist alles vorbereitet. Wenn wir irgendwo hinsollen, sind das auch Stellen, wo wir mit dem LKW hinkommen. Das ist nicht so, dass Du da in den letzten Winkel gelotst wirst.“

Entscheidend sei eine ordentliche Portion Weitsicht bei der Planung. Ein Umstand, den Grunwald akribisch im Auge behält. Denn wenn alles läuft wie geplant, ist der Fahreralltag entspannt: „Das Schöne bei mir ist – ich hab’ eigentlich keine Terminfracht. Also lege ich meine Routen so, dass ich pünktlich am Ziel bin.“ Vergleicht man dies mit den gewohnten Liefer-LKW aus dem Alltag, gibt es insgesamt weniger Widrigkeiten, die Grunwald beachten muss: „Ich muss nicht warten, bis ich verladen bin. Ich werde mit Sicherheit nicht um 12:00 Uhr losfahren, wenn ich zur Fähre nach Kiel fahre, wenn die um 18:45 Uhr ablegt. Dann fahr’ ich um 08:00 Uhr los und warte lieber drei Stunden vor der Fähre. Darum hab’ ich auch nie Probleme mit Standzeiten bei Polizeikontrollen.“

Im Gegenteil: Bei einer Polizeikontrolle machten sich die Beamten fast schon Sorgen um Grunwald. „Ich hatte ein Erlebnis mit einem Polizisten, der mich anhielt und fragte, ob ich angestellt wäre beim Skiverband. Das hab’ ich natürlich bejaht und dachte, er will die Arbeitsbescheinigung sehen. Und er sagte: ‚Nur mit dem Fahren würden Sie wahrscheinlich verhungern‘. Da stand das Ding 14 Tage und das sehen die auf der Fahrerkarte.“

Der Wachstruck fährt also ein ganzes Stück gemächlicher, als es ein LKW im Alltag eines Lieferfahrers tut. Im Jahr reißt der Truck gerade mal 20.000 Kilometer ab, nach fünf Saisons hat der LKW erst 85.000 Kilometer gesammelt. Den Hauptteil von Grunwalds Arbeit stellt die Vorbereitung der Ski dar, die ihn das ganze Jahr über – nicht nur im Winter – beschäftigt.

Die Fahrten sind etwas, was Grunwald eher genießt. Besonders, wenn es in den Norden geht: „Die längsten, schönsten Touren sind immer durch Skandinavien, weil Du da oben nicht so ein hohes Verkehrsaufkommen hast. Du hast Zeit, nach rechts und links zu gucken – auf diesen See, in dieses Gehöft“, schwärmt der Techniker: „Nach Travemünde, Helsinki rüber und dann nach Muonio. Das sind 1.000 Kilometer, zum Schluss vielleicht auch mal 500 Kilometer durch Schnee und Eis. Trotzdem ist es jedes Jahr immer wieder schön.“

Die skandinavischen Länder hätten gegenüber Deutschland so manchen Vorteil für Trucker: „Man findet dort überall einen Parkplatz, selbst wenn man abends um 20.00 Uhr sagt: Ich mach’ einen Stop. Nicht wie in Deutschland, wo Du Dich an die Seite zwängst, auf irgendeinem Parkplatz oder auf einem Autohof für 12 Euro die Nacht. Das ist dort alles so unkompliziert und truckerfreundlich gemacht. Da haben sie Tankautomaten nur für Trucker“, berichtet Grunwald: „Die sind da viel weiter als wir. Das ist das Schöne, es ist wirklich entspannt.“

Für den ehemaligen Busfahrer ist das natürlich ideal. Gerade zu Anfang seiner Zeit beim DSV flößte der Truck ihm nämlich Respekt ein – auch, wenn ihm das LKW-Fahren in der Ausbildung beigebracht wurde: „Ich muss zugeben, ich war gut 20 Jahre lang nicht LKW gefahren. Ein Bus ist dann eben doch was ganz anders als ein Sattelzug. Da musste ich erstmal üben, dass ich mich nicht blamiere. Einparken, um die Ecke schieben und so weiter. Aber das verlernt man nicht.“

Und so fährt Grunwald den Truck heutzutage sicher von Wettbewerb zu Wettbewerb – auch, wenn er auf der Piste vielleicht sogar noch ein klein weniger souveräner ist: „Es gibt sicher 100.000 LKW-Fahrer, die viel besser fahren können als ich. Aber vielleicht keinen, der so schnell Ski läuft.“

Fotonachweis: © DSV

Seid Ihr schon mal durch Skandinavien gefahren?

Annika

Annika

Fährt ab auf lange Roadtrips – Highspeed, please!

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1 Kommentar

  1. Ein dickes Lob an die LKW-Fahrer. Ihr seid wirklich für alles zu gebrauchen. Nun gibt es auch schon einen Truck zum Skiwachsen. Wie genial ist das denn? Vielen Dank Euch emsigen Bienen und vielen Dank! https://autoankauf-lkwankauf.de

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